Eindrücke aus dem griechischen Flüchtlingslager Moria

Persönliche Erfahrungen unserer Referentin
Hannah Kiesewetter

Die griechische Insel Lesbos ist nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt. Sie gilt, wie viele weitere griechische Inseln, als ein sogenannter ‚Hotspot‘ für Geflüchtete. Hier kommen sehr viele Schutzsuchende an, die versuchen, über die Türkei weiter nach Europa zu kommen.

Eine Weiterreise auf das Festland ist ihnen jedoch nicht gestattet, seit Europa mit der Türkei ein Abkommen abgeschlossen hat, welches bestimmt, dass über den Asylantrag noch in den Hotspots entschieden werden muss. Der Asylantrag muss also in vielen Fällen auf Lesbos (oder anderen griechischen Inseln im ägäischen Meer) bearbeitetet werden. Das dauert viele Monate. So lange sitzen die Menschen fest. Prinzipiell sollte es für besonders schutzbedürftige Gruppen schneller gehen: (unbegleitete) Minderjährige, Menschen mit Behinderungen oder schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen, ältere Menschen, Schwangere, alleinerziehende Elternteile, Opfer von Menschenhandel, Folter oder psychischer, physischer und sexueller Gewalt. In diesen Fällen ist ein Umzug in ein anderes, kleineres Camp auf der Insel oder aber in ein Camp auf dem Festland vorgesehen. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht aber anders aus, denn die Institutionen auf dem Festland haben kaum oder keine Kapazitäten mehr.

Im größten Camp auf Lesbos, „Moria“, ist Platz für 2.500-3.000 Schutzsuchende. Es leben aber mittlerweile zwischen 12.000 und 14.000 Menschen in dem Camp. Jeden Tag kommen neue Menschen an. Die Zahlen werden weiterhin steigen. Unter den vielen Menschen sind um die 1.000 unbegleitete Minderjährige. Es gibt eine „safe zone“, die für unbegleitete oder getrennte Kinder und Jugendliche eingerichtet ist. Dort gibt es rund 50 Plätze für die kleinsten Kinder (0-15 Jahre). Jugendliche ab 15 Jahren werden in „safe sections“ untergebracht. Diese durften wir im Rahmen unserer Reise besuchen. Es sind Reihen von Containern, die nebeneinander aufgestellt sind. Ein Zaun rund um den Bereich soll Sicherheit herstellen. Da die Container nicht ausreichen, wurde mittlerweile noch ein großes Zelt zwischen den Reihen der Container errichtet.

Die Jugendlichen sagen fast alle, dass das Leben in Moria nicht gut ist. Sie erzählen mir, dass sie mit 20 Personen in einem Container schlafen. Das Essen reiche nicht, zum Frühstück würde es gerade mal einen Tee und ein Stück Kuchen geben. Auch Mittagessen und Abendbrot seien sehr karg. Viel zu tun gibt es nicht. Hauptsächlich werden Englisch- und Griechischkurse angeboten, aber die Lehrenden sind zu wenig oder kommen nicht regelmäßig. Die Schule außerhalb des Camps hat nicht genug Platz für alle Jugendlichen. Und so sitzen viele den ganzen Tag mit anderen Jugendlichen zusammen, warten und hören Musik. Ein Großteil der Jugendlichen ist zwischen 15 und 17 Jahre alt. Einige leben bereits 10 Monaten in Moria.

Meiner Einschätzung nach gibt es in Moria nicht genug Personal: Dort arbeiten zu wenige Sozialarbeitende, so dass sie keine Betreuung gewährleisten können. Drogen, Alkohol und Gewalt gehören zum Alltag der Jugendlichen. Sie sind die schwächsten Glieder in der Hierarchie des Camps und sind von allen Seiten enormen Risiken und Ausbeutung ausgesetzt.

Die Mitarbeitenden vor Ort versuchen alles, um die Menschen zu schützen und sie zu unterstützen. Nicht wenige kommen an ihre Grenzen, haben Burn-Out und/oder Depressionen- und sicherlich sind einige sekundär traumatisiert. Für Mitarbeitende gibt es selten Supervision oder psychosoziale Unterstützung. Dennoch arbeiten sie immer weiter, denn: Wer kümmert sich sonst um die Menschen in Moria?

Ich frage mich, was die Verantwortlichen tun. Wer ist denn überhaupt verantwortlich? Der Staat Griechenland und auch Europa verhalten sich sehr ruhig. Außerdem wird gerade über weitere Abkommen mit der Türkei verhandelt, bei denen es unter anderem darum geht, mehre tausend Schutzbedürftige „zurückzunehmen“. Solche Nachrichten machen bei den Sozialarbeitenden die Runde und verunsichern die Menschen.

Vor einigen Wochen hat es in Moria ein Feuer gegeben. Es gibt nur unbestätigte Angaben über die Opfer. Es heißt, eine Mutter und ihr Kind seien dabei verbrannt. Die Menschen im Camp sprechen von bis zu fünf Toten und mehreren Verletzten, darunter viele Jugendliche. Es gab einen Aufstand, die Polizei und das Militär haben Tränengas in die Menge geworfen. Außerdem gab es die Ansage, die Tore zu schließen. Es wurde nicht evakuiert, die Menschen wurden eingeschlossen – trotz Feuer, Aufstand, Tränengas und Panik.

Auch wenn man sich einreden kann, dass diese Zustände (Überfüllung, inadäquate Verpflegung, wenig Unterstützung, wenig Schutz) in Notfallsituationen nicht anders zu regeln seien, muss man sich spätestens jetzt fragen: Geht es wirklich darum, Schutzsuchenden eine erste, wenn auch sehr provisorische, Unterbringung zu ermöglichen? Warum werden dann in lebensbedrohlichen Notfallsituationen die Tore zum Camp geschlossen? Geht es nicht vielleicht doch darum, Menschen abzuschrecken?

Ich frage mich: Ist das das Europa, das sich die Menschenrechte auf die Fahne geschrieben hat und immer ganz vorn mit dabei ist, andere Staaten zu ermahnen? Das Europa, das nach dem zweiten Weltkrieg nie wieder Hass regieren lassen wollte? Wie kann es sein, dass hier Menschen unter unwürdigen und unmenschlichen Umständen festgehalten werden? Wie können wir solche Umstände dulden, normalisieren, abnicken? Wir dehumanisieren Schutzsuchende im Namen des Grenzschutzes!

Können wir das weitertragen?

Wenn die Flucht selbst und die Fluchtgründe die Menschen nicht ans Äußerste gebracht haben, dann werden es spätestens diese Umstände tun. Wie soll sich jemand, der unter solchen Bedingungen ausharren musste jemals ohne weiteres in eine Gesellschaft „integrieren“ können? Es muss ein anderer Ansatz her, schnell!

Hannah Kiesewetter hat 2019 einige Wochen bei AsA hospitiert und kommt jetzt gelegentlich als Referentin in der LexikAsA-Reihe (Themen Demokratie und Menschenrechte) nach Bonn.

„Ich bin Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin und habe mehrere Jahre in der behördlichen Jugendhilfe mit geflüchteten Jugendlichen und in der Krisenintervention gearbeitet. Seit 2018 studiere ich im Master ‚International Social Work with Refugees and Migrants‘ an der FHWS in Würzburg. Im Rahmen des Masters hatte ich die Möglichkeit im September/Oktober mit einer Gruppe Kommiliton*innen nach Athen und Lesbos zu reisen, mit Experten und Schutzsuchenden zu sprechen und mir ein Bild von der tatsächlichen Situation zu machen. Hier berichte ich von einigen meiner Eindrücke. „

Weitere Informationen zum Thema:

Deutsche Welle – Themenseite Lesbos: https://www.dw.com/de/lesbos/t-19132104

INFOMIGRANTS – Aktuelle Informationen für Migranten zu wichtigen Themen im Migrations- und Fluchtkontext: https://www.infomigrants.net/en/

Reliefweb/ UN Human Rights Council – Report of the Special Rapporteur on the human rights of migrants on his mission to Greece, aus dem Jahr 2017: https://reliefweb.int/report/greece/report-special-rapporteur-human-rights-migrants-his-mission-greece-ahrc3525add2-enar

UNICEF – Pressemitteilung zu den vielen unbegleiteten Minderjährigen in Griechenland: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2019/gefluechtete-migrierte-kinder-in-griechenland-gefaerdet/198254

UNHCR – aktueller Überblick über die ‚Refugee Situation‘ auf den ägäischen Inseln: https://data2.unhcr.org/en/situations/mediterranean/location/5179

UNHCR – ‚Agean Islands Weekly Snapshot’ 07-13.Oktober 2019: https://data2.unhcr.org/en/documents/download/71765

BumF e.V. – Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Griechenland https://b-umf.de/src/wp-content/uploads/2019/07/2019_07_17_umf-in-griechenland.pdf